von Michael Snella
ISO 9001:2026 veröffentlicht – Was Unternehmen jetzt wissen müssen
Am 16. September 2026 wurde die neue ISO 9001:2026 – Quality management systems — Requirements veröffentlicht. Sie ist die sechste Ausgabe der weltweit am häufigsten eingesetzten Norm für Qualitätsmanagementsysteme und löst die bisherige ISO 9001:2015 ab.
Für bereits nach ISO 9001 zertifizierte Unternehmen bedeutet die Revision keinen grundlegenden Neuaufbau ihres Qualitätsmanagementsystems. Die bewährte Struktur und die wesentlichen Grundprinzipien der ISO 9001 bleiben erhalten. Die neue Ausgabe enthält jedoch eine Reihe von Präzisierungen und neuen Schwerpunkten, mit denen die Norm an veränderte wirtschaftliche, technologische und gesellschaftliche Rahmenbedingungen angepasst wird.
Inhalt des Artikels
Warum wurde die ISO 9001 überarbeitet?
Die bisherige ISO 9001 stammt aus dem Jahr 2015. Seitdem haben sich die Rahmenbedingungen für Unternehmen erheblich verändert.
Digitalisierung und Automatisierung haben weiter zugenommen, künstliche Intelligenz findet Eingang in Geschäfts- und Entscheidungsprozesse, Lieferketten sind komplexer geworden und Unternehmen müssen schneller auf Veränderungen und neue Risiken reagieren.
Die Revision soll sicherstellen, dass Qualitätsmanagementsysteme auch unter diesen Bedingungen ein geeignetes Instrument zur Steuerung und Verbesserung von Organisationen bleiben.
Gleichzeitig wurde die ISO 9001 stärker an die harmonisierte Struktur der ISO-Managementsystemnormen angepasst. Dadurch wird die Integration beispielsweise mit ISO 14001, ISO 45001, ISO 50001 oder ISO/IEC 27001 erleichtert.
Was ändert sich mit ISO 9001:2026?
Die Revision ist keine grundlegende Neuausrichtung der ISO 9001. Unternehmen mit einem wirksamen Qualitätsmanagementsystem nach ISO 9001:2015 verfügen bereits über einen großen Teil der notwendigen Strukturen. Dennoch gibt es einige Themen, die bei der Umstellung besondere Aufmerksamkeit verdienen.
Qualitätskultur und Führung
Die Bedeutung der Qualitätskultur innerhalb der Organisation wird stärker hervorgehoben.
Qualität soll nicht ausschließlich Aufgabe des Qualitätsmanagements oder einzelner Qualitätsverantwortlicher sein. Die oberste Leitung hat die Aufgabe, Rahmenbedingungen zu schaffen, unter denen Qualitätsbewusstsein Bestandteil des täglichen Handelns und der Entscheidungen innerhalb der Organisation ist.
Im Mittelpunkt stehen damit stärker Fragen wie:
- Wie wird Qualitätsbewusstsein im Unternehmen vermittelt?
- Wie gehen Führungskräfte mit Fehlern und Abweichungen um?
- Werden Beschäftigte in Verbesserungsprozesse einbezogen?
- Wie unterstützt die Unternehmensleitung die Qualitätsziele?
- Ist Qualität Bestandteil unternehmerischer Entscheidungen?
- Für Unternehmen bedeutet dies nicht zwangsläufig zusätzliche Dokumentation. Entscheidend ist vielmehr, dass Qualitätskultur und Führungsverantwortung im betrieblichen Alltag nachvollziehbar erkennbar sind.
Ethisches Verhalten
Im Zusammenhang mit Führung und Qualitätskultur erhält auch ethisches Verhalten eine größere Bedeutung. Organisationen sollten nachvollziehbar festlegen, welche Grundsätze für verantwortungsbewusstes Verhalten gelten und wie diese innerhalb des Unternehmens vermittelt werden.
Dies kann beispielsweise durch Unternehmensgrundsätze, einen Code of Conduct, Compliance-Regelungen oder bestehende Führungsgrundsätze erfolgen. Auch hier verlangt die Norm nicht automatisch die Einführung eines zusätzlichen Managementsystems.
Risiken und Chancen werden deutlicher unterschieden
Der risikobasierte Ansatz bleibt ein wesentlicher Bestandteil der ISO 9001. Die neue Ausgabe unterscheidet jedoch klarer zwischen Risiken und Chancen.
In der Praxis wurden Chancen bislang häufig lediglich als Bestandteil einer gemeinsamen Risiko- und Chancenmatrix behandelt und gegenüber den Risiken weniger intensiv betrachtet. Mit der neuen ISO 9001 soll deutlicher werden, dass Unternehmen nicht nur mögliche negative Auswirkungen beherrschen, sondern auch Möglichkeiten zur Verbesserung und Weiterentwicklung systematisch betrachten sollen.
Chancen können beispielsweise entstehen durch:
- Digitalisierung und Automatisierung
- neue Technologien
- Prozessoptimierungen
- neue Lieferanten oder Partnerschaften
- neue Produkte und Dienstleistungen
- Kompetenzentwicklung
- Veränderungen von Märkten und Kundenanforderungen
- Entscheidend bleibt, dass die Organisation die für sie relevanten Risiken und Chancen bestimmt und daraus angemessene Maßnahmen ableitet.
Klimawandel
Die bereits 2024 durch das Amendment 1 eingeführte Berücksichtigung des Klimawandels ist nun Bestandteil der neuen Normausgabe. Organisationen müssen bestimmen, ob der Klimawandel für ihr Qualitätsmanagementsystem ein relevantes Thema darstellt. Das bedeutet ausdrücklich nicht, dass jedes nach ISO 9001 zertifizierte Unternehmen ein Klimaschutzprogramm oder konkrete CO₂-Ziele benötigt.
Relevant können jedoch beispielsweise Auswirkungen auf Lieferketten, Rohstoffverfügbarkeit, Infrastruktur, Produktionsbedingungen, Kundenanforderungen oder gesetzliche Rahmenbedingungen sein. Entscheidend ist eine nachvollziehbare Bewertung der Relevanz für das jeweilige Unternehmen.
Stärkere Verbindung zwischen Qualitätsmanagement und Unternehmensstrategie
Das Qualitätsmanagement soll stärker mit der strategischen Ausrichtung der Organisation verbunden sein.
Damit wird nochmals verdeutlicht, dass ein Qualitätsmanagementsystem kein paralleles System neben den eigentlichen Geschäftsprozessen sein sollte. Qualitätsziele, Unternehmensstrategie, Prozesssteuerung sowie Risiken und Chancen sollten miteinander verbunden sein. Insbesondere die oberste Leitung ist gefordert, diese Zusammenhänge nachvollziehbar in die Unternehmenssteuerung einzubeziehen.
Digitalisierung und künstliche Intelligenz
Digitalisierung und der zunehmende Einsatz künstlicher Intelligenz verändern viele qualitätsrelevante Prozesse. Dabei geht es nicht darum, dass Unternehmen künstliche Intelligenz einsetzen müssen.
Wenn automatisierte oder KI-gestützte Systeme jedoch Einfluss auf qualitätsrelevante Prozesse oder Entscheidungen haben, muss weiterhin sichergestellt werden, dass diese Prozesse beherrscht werden und zuverlässige Ergebnisse liefern.
Dies betrifft beispielsweise automatisierte Prüfungen, Datenauswertungen, Freigabeprozesse oder KI-gestützte Entscheidungen. Der Grundsatz bleibt dabei unverändert: Nicht die eingesetzte Technologie ist entscheidend, sondern deren Einfluss auf die Fähigkeit der Organisation, konforme Produkte und Dienstleistungen bereitzustellen.
Organisationales Wissen
Auch das Management von Wissen bleibt ein wichtiges Thema.
Gerade vor dem Hintergrund des demografischen Wandels und des Ausscheidens erfahrener Beschäftigter sollten Unternehmen prüfen, welches Wissen für ihre Prozesse kritisch ist und wie dieses Wissen erhalten und weitergegeben wird.
Ein wirksames Wissensmanagement muss dabei nicht zwangsläufig aus umfangreichen Datenbanken bestehen. Entscheidend ist, dass für die Prozessdurchführung erforderliches Wissen verfügbar bleibt.
Müssen Unternehmen ihr Qualitätsmanagementsystem vollständig überarbeiten?
Nein.
Für Unternehmen mit einem wirksamen Qualitätsmanagementsystem nach ISO 9001:2015 sollte die Umstellung in erster Linie aus einer strukturierten Bewertung der neuen bzw. geänderten Anforderungen bestehen.
Ein geeigneter erster Schritt ist eine Gap-Analyse zwischen dem bestehenden Managementsystem und ISO 9001:2026.
Dabei sollte insbesondere geprüft werden:
- Welche neuen oder präzisierten Anforderungen sind für unser Unternehmen relevant?
- Welche Anforderungen erfüllen wir bereits?
- Wo besteht tatsächlicher Anpassungsbedarf?
- Müssen Prozesse verändert werden?
- Sind zusätzliche Nachweise erforderlich?
- Müssen Beschäftigte oder Führungskräfte informiert oder geschult werden?
- Die Revision sollte nicht zum Anlass genommen werden, unnötig neue Verfahren, Formulare oder Dokumentationen einzuführen.
ISO 9001 bleibt eine Managementsystemnorm und keine Dokumentationsnorm.
Was sollten zertifizierte Unternehmen jetzt tun?
Nach Veröffentlichung der ISO 9001:2026 empfiehlt sich ein strukturiertes Vorgehen.
Zunächst sollte die Organisation die neue Norm beschaffen und die Änderungen gegenüber ISO 9001:2015 bewerten. Anschließend können erforderliche Maßnahmen festgelegt und in das bestehende Managementsystem integriert werden.
Besondere Aufmerksamkeit sollten Unternehmen dabei den Themen Führung und Qualitätskultur, Risiken und Chancen, strategische Ausrichtung, Klimawandel sowie dem Umgang mit Wissen und technologischen Veränderungen widmen.
Nach Umsetzung der notwendigen Anpassungen sollte das Managementsystem im Rahmen des internen Auditprogramms bewertet werden. Auch die Managementbewertung sollte die Umstellung und deren Wirksamkeit berücksichtigen.
Was passiert mit bestehenden ISO-9001-Zertifikaten?
Bestehende Zertifikate verlieren mit der Veröffentlichung der ISO 9001:2026 nicht automatisch ihre Gültigkeit.
Für den Übergang von ISO 9001:2015 auf ISO 9001:2026 wird eine Transition-Phase vorgesehen. Innerhalb dieses Zeitraums müssen zertifizierte Organisationen ihr Qualitätsmanagementsystem auf die neue Ausgabe umstellen und die erfolgreiche Umsetzung im Rahmen eines Zertifizierungsaudits nachweisen.
Die konkreten internationalen Akkreditierungs- und Übergangsregelungen sowie die daraus resultierenden Fristen für Zertifizierungsstellen und zertifizierte Unternehmen sind bei der Umstellungsplanung zu berücksichtigen.
Über diese Fristen und die konkreten Anforderungen an das Transition-Audit werden wir gesondert informieren, sobald die maßgeblichen Regelungen abschließend vorliegen.
Fazit
Die ISO 9001:2026 verändert das Qualitätsmanagement nicht grundlegend. Die Revision entwickelt vielmehr den bestehenden Ansatz weiter und setzt zusätzliche Akzente bei Führung, Qualitätskultur, Risiken und Chancen sowie bei der Anpassungsfähigkeit von Organisationen an veränderte Rahmenbedingungen.
Für Unternehmen sollte die Umstellung deshalb nicht mit der Frage beginnen:
„Welche neuen Dokumente müssen wir erstellen?“
Sinnvoller ist die Frage:
„Welche Änderungen sind für unser Unternehmen tatsächlich relevant und wie können wir diese wirksam in unser bestehendes Managementsystem integrieren?“
Ein gut funktionierendes Qualitätsmanagementsystem nach ISO 9001:2015 bietet dafür eine solide Grundlage.