von Michael Snella

EnEfG-Novelle: Warum ISO 50001 auch unterhalb von 23,6 GWh sinnvoll bleibt

ISO 50001 Zertifizierung - Energiemanagement

Die geplante Novelle des Energieeffizienzgesetzes (EnEfG) sorgt derzeit bei vielen Unternehmen für Diskussionen. Ein wesentlicher Punkt ist die vorgesehene Anhebung des Schwellenwertes für die verpflichtende Einführung eines Energie- oder Umweltmanagementsystems.

Nach derzeit geltendem EnEfG müssen Unternehmen mit einem durchschnittlichen jährlichen Gesamtendenergieverbrauch von mehr als 7,5 GWh ein Energie- oder Umweltmanagementsystem einrichten. In der Praxis entscheiden sich viele Unternehmen dabei für ein Energiemanagementsystem nach ISO 50001.

Der aktuelle Entwurf der EnEfG-Novelle sieht vor, diese Grenze auf 23,6 GWh anzuheben.

Sollte diese Regelung tatsächlich in Kraft treten, würden zahlreiche Unternehmen künftig nicht mehr aufgrund des EnEfG verpflichtet sein, ein Energiemanagementsystem nach ISO 50001 oder ein entsprechendes Umweltmanagementsystem zu betreiben.

Aber bedeutet der Wegfall einer gesetzlichen Verpflichtung automatisch, dass Unternehmen ihre bestehende ISO 50001-Zertifizierung aufgeben sollten?

Aus unserer Sicht sollte diese Entscheidung wesentlich differenzierter betrachtet werden.

Inhalt des Artikels

Die 23,6-GWh-Grenze ist noch nicht geltendes Recht

Zunächst ist wichtig festzuhalten, dass die geplante Grenze von 23,6 GWh derzeit noch nicht als geltendes Recht behandelt werden darf.

Die Novelle des EnEfG befindet sich noch im Gesetzgebungsverfahren. Bis zu einer entsprechenden gesetzlichen Änderung gelten grundsätzlich die bestehenden Anforderungen weiter.

Unternehmen sollten deshalb aktuell keine vorschnellen Entscheidungen über die Aufgabe eines bestehenden Energiemanagementsystems nach ISO 50001 treffen. Hinzu kommt, dass die geplanten Änderungen politisch und fachlich durchaus kontrovers diskutiert werden.

DENEFF kritisiert die geplante Anhebung

Die Deutsche Unternehmensinitiative Energieeffizienz (DENEFF) kritisiert insbesondere die vorgesehene Anhebung der Schwelle von 7,5 auf 23,6 GWh.

Nach Angaben der DENEFF könnten dadurch mehr als 8.000 der bislang rund 12.000 betroffenen Unternehmen aus der Verpflichtung zur Einführung eines Energie- oder Umweltmanagementsystems herausfallen.

Die DENEFF sieht darin die Gefahr, dass wirtschaftlich sinnvolle Energieeffizienzmaßnahmen nicht mehr in gleichem Umfang systematisch identifiziert und umgesetzt werden.

Dabei geht es nicht ausschließlich um Klimaschutz. Energieeffizienz ist für Unternehmen zunehmend auch eine Frage von Energiekosten, Versorgungssicherheit, Wettbewerbsfähigkeit und Investitionsentscheidungen. Gerade hier zeigt sich der Nutzen eines systematischen Energiemanagements nach ISO 50001.

Gesetzliche Verpflichtung und wirtschaftlicher Nutzen sind zwei unterschiedliche Dinge

In der Diskussion um die EnEfG-Novelle sollte zwischen zwei Fragen unterschieden werden:

Muss ein Unternehmen ein Energiemanagementsystem betreiben?

und

Ist ein Energiemanagementsystem nach ISO 50001 für das Unternehmen wirtschaftlich sinnvoll?

Die geplante Grenze von 23,6 GWh beantwortet ausschließlich die erste Frage.

Sie sagt nichts darüber aus, ab welchem Energieverbrauch sich ein Energiemanagementsystem nach ISO 50001 wirtschaftlich lohnt.

Ein Unternehmen mit einem jährlichen Energieverbrauch von beispielsweise 15 GWh kann erhebliche Einsparpotenziale besitzen. Ein anderes Unternehmen mit mehr als 23,6 GWh kann bereits einen sehr hohen energetischen Optimierungsgrad erreicht haben.

Der Energieverbrauch allein ist deshalb kein ausreichendes Kriterium für die Entscheidung über die Fortführung von ISO 50001.

Besonders sorgfältig sollten bestehende ISO 50001-Systeme betrachtet werden

Eine weitere Unterscheidung ist wichtig.

Es macht einen erheblichen Unterschied, ob ein Unternehmen erstmals ein Energiemanagementsystem nach ISO 50001 einführen muss oder ob ein solches System bereits seit mehreren Jahren besteht.

Bei einem bestehenden ISO 50001-System wurden wesentliche Strukturen bereits geschaffen.

Dazu gehören unter anderem die energetische Bewertung, die Ermittlung wesentlicher Energieeinsätze (SEUs), Energieleistungskennzahlen (EnPIs), energetische Ausgangsbasen, Messkonzepte, Energieziele, Aktionspläne sowie interne Audits und Managementbewertungen.

Auch Verantwortlichkeiten und Prozesse sind bereits etabliert. Die Investition in den Aufbau des Energiemanagementsystems ist damit weitgehend erfolgt. Für diese Unternehmen sollte die entscheidende Frage deshalb nicht lauten:

„Müssen wir ISO 50001 künftig noch haben?“

Sondern:

„Welche Kosten sparen wir tatsächlich durch die Aufgabe von ISO 50001 – und welchen Nutzen verlieren wir dadurch?“

ISO 50001 schafft einen kontinuierlichen Verbesserungsprozess

Ein wesentlicher Vorteil von ISO 50001 besteht darin, dass Energieeffizienz nicht punktuell, sondern kontinuierlich betrachtet wird. Ein Energieaudit stellt zunächst eine periodische Betrachtung des Energieverbrauchs und möglicher Einsparpotenziale dar.

ISO 50001 geht deutlich weiter.

Das Energiemanagementsystem integriert die Verbesserung der energiebezogenen Leistung in die betrieblichen Prozesse. Energieverbräuche werden überwacht, wesentliche Energieeinsätze bewertet, Energieleistungskennzahlen verfolgt und Maßnahmen auf ihre Wirksamkeit überprüft.

Über interne Audits und die Managementbewertung wird zusätzlich sichergestellt, dass das Thema Energie regelmäßig auf Managementebene behandelt wird.

Genau darin liegt einer der wesentlichen Unterschiede zwischen einer punktuellen gesetzlichen Verpflichtung und einem funktionierenden Energiemanagementsystem nach ISO 50001. Energieeffizienz wird für Unternehmen nicht weniger wichtig

Die aktuelle Diskussion darf außerdem nicht den Eindruck vermitteln, dass Unternehmen unterhalb von 23,6 GWh künftig keine energiebezogenen Verpflichtungen mehr hätten.

Die europäische und nationale Energieeffizienzgesetzgebung entwickelt sich weiter. Dabei spielen unter anderem Energieaudits, die Bewertung wirtschaftlicher Energieeffizienzmaßnahmen und entsprechende Umsetzungspläne eine Rolle. Gleichzeitig steigen die Anforderungen an Unternehmen, ihre Energieverbräuche transparent zu kennen und Investitionsentscheidungen auf belastbare Daten zu stützen.

Auch hier bietet ISO 50001 eine geeignete Grundlage.

ISO 50001 bedeutet heute mehr als Energieeinsparung

Ein modernes Energiemanagementsystem beschäftigt sich längst nicht mehr ausschließlich mit der Frage, wo einige Kilowattstunden eingespart werden können.

Für viele Unternehmen gewinnen weitere Themen an Bedeutung:

  • Lastmanagement und Vermeidung von Lastspitzen,
  • Flexibilisierung des Energieverbrauchs,
  • Nutzung eigener Energieerzeugung,
  • Einbindung von Speichern,
  • Elektrifizierung von Prozessen und Fuhrparks,
  • transparente Bewertung von Energiekosten,
  • Bewertung energetischer Investitionen,
  • Versorgungssicherheit und
  • kontinuierliche Verbesserung der energiebezogenen Leistung.
  • Ein funktionierendes Energiemanagementsystem nach ISO 50001 stellt hierfür Daten, Kennzahlen und Managementstrukturen zur Verfügung.

Damit kann ISO 50001 auch dann einen erheblichen betrieblichen Nutzen haben, wenn keine unmittelbare gesetzliche Verpflichtung zur Zertifizierung besteht.

Die DENEFF-Intervention zeigt die grundsätzliche Bedeutung von Energieeffizienz Die DENEFF hat ihre Kritik an der geplanten EnEfG-Novelle im September 2026 nochmals verstärkt.

Unter Bezugnahme auf Untersuchungen des Fraunhofer-Instituts wird darauf hingewiesen, dass geringere Anstrengungen bei der Energieeffizienz nicht nur Auswirkungen auf einzelne Unternehmen haben können, sondern auch auf den gesamten Energie- und Leistungsbedarf.

Diese energiepolitische Bewertung ist von der individuellen Situation eines Unternehmens zu unterscheiden. Der dahinterstehende Grundsatz ist jedoch einfach:

Energie, die durch Effizienzmaßnahmen nicht benötigt wird, muss weder beschafft noch erzeugt noch über die Netze transportiert werden.

Für Unternehmen bedeutet dies vor allem eines: Energieeffizienz bleibt ein wirtschaftliches Thema – unabhängig davon, bei welchem Verbrauch der Gesetzgeber eine formale Verpflichtungsgrenze festlegt.

ISO 50001 nicht vorschnell aufgeben

Sollte die EnEfG-Novelle mit einer Grenze von 23,6 GWh in Kraft treten, werden sich viele Unternehmen mit einem Energieverbrauch zwischen 7,5 und 23,6 GWh die Frage stellen, ob sie ihre bestehende ISO 50001-Zertifizierung fortführen sollen.

Diese Frage ist berechtigt.

Sie sollte aber nicht allein mit Blick auf die gesetzliche Mindestanforderung beantwortet werden. Insbesondere bei einem bereits etablierten ISO 50001-System sollten die tatsächlichen Kosten der Aufrechterhaltung den wirtschaftlichen Vorteilen des Systems gegenübergestellt werden.

Dazu gehören nicht nur unmittelbar messbare Energieeinsparungen. Auch verbesserte Transparenz, frühzeitige Erkennung von Verbrauchsabweichungen, belastbarere Investitionsentscheidungen, Lastmanagement und die kontinuierliche Beschäftigung des Managements mit der energiebezogenen Leistung können einen erheblichen Wert besitzen.

Unser Fazit

Die geplante Anhebung der EnEfG-Schwelle von 7,5 auf 23,6 GWh kann die gesetzliche Situation für viele Unternehmen deutlich verändern.

Sie ändert jedoch nichts an einer grundsätzlichen Tatsache:

Eine gesetzliche Verpflichtungsgrenze ist keine Wirtschaftlichkeitsgrenze.

Unternehmen sollten deshalb ein bestehendes Energiemanagementsystem nach ISO 50001 nicht allein deshalb aufgeben, weil sie möglicherweise künftig unterhalb einer gesetzlichen Verbrauchsschwelle liegen.

Vielmehr sollte individuell bewertet werden, welchen Aufwand ISO 50001 tatsächlich verursacht und welchen messbaren und strategischen Nutzen das Energiemanagementsystem für das Unternehmen erbringt.

Gerade bei bereits etablierten Systemen kann es wirtschaftlich sinnvoller sein, die vorhandenen Strukturen weiterzuentwickeln, als ein funktionierendes Energiemanagement aufgrund einer veränderten gesetzlichen Schwelle zurückzufahren.

ISO 50001 sollte deshalb nicht ausschließlich als Instrument zur Erfüllung einer gesetzlichen Verpflichtung verstanden werden. Richtig eingesetzt ist ISO 50001 ein Managementinstrument zur dauerhaften Verbesserung der energiebezogenen Leistung und zur systematischen Reduzierung von Energiekosten.

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Autor dieses Artikels

Michael Snella

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